RUNAWAY AMBER
Du hast überlebt – doch wie lange kannst du noch davonlaufen?
Sechs Jahre ist es her, seit Amber ihrem Peiniger entkommen ist. Sechs Jahre in denen sie sich mühsam zurück ins Leben gekämpft hat. Trotz der Angst, dass er eines Tages zurückkommt und sein Werk vollendet.
Endlich wendet sich alles zum Besseren. Sie findet Freunde, eine Clique, zu der sie um jeden Preis dazugehören möchte.
Doch dann ist er plötzlich wieder da …
Leseprobe
Sechs Jahre zuvor – zu langsam
Die Luft flimmerte vor ihren Augen. Amber war sich nicht sicher, ob dies einzig der Hitze geschuldet war oder ob die ausgedörrten Gräser am Wegesrand tatsächlich brannten. Einfach so von diesem unbarmherzig auf sie niederbrennenden Feuerball am Himmel in Brand gesetzt worden waren. Schweiß perlte aus jeder Pore ihres Körpers, aber sie hatte kein Wasser mehr, um ihr Austrocknen zu verhindern.
Der Landstraße, neben der sie lief, fehlte es an Bäumen. Es gab keinen Schatten. Nirgends. Ihr Fahrrad war nun schon seit zwei Wochen kaputt. Sie hatte noch keinen guten Moment gefunden, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Die Reparatur des verformten Reifens würde ihr gesamtes Taschengeld für diesen Monat schlucken, sollte sie diese selbst bezahlen müssen. Aber auch auf dieses Geld wartete sie schon seit zwei Wochen.
Sei‘s drum. So dringend brauchte sie das Fahrrad eh nicht. Ihre ehemals beste Freundin Josi hatte sie nicht gefragt, ob sie am Abend mit in den Club kommen wollte. Der Club war nicht viel mehr als ein großer Raum mit einer Tischtennisplatte und einem Kickertisch. Aber es war einer der wenigen Orte, an denen sie nachmittags und abends abhängen konnten, ohne von dort vertrieben zu werden. Es war lange her, seit Amber das letzte Mal dort gewesen war. Sie wurde schon lange nicht mehr zu derlei Treffen eingeladen.
Die Abgase eines vorbeifahrenden Autos hüllten sie ein. Amber fing an zu husten und lief schneller. Dann wieder langsamer, als sie feststellte, dass das Auto die Geschwindigkeit drosselte. Es war rot. Sie hatte es in den letzten Tagen öfter gesehen. Eigentlich schenkte sie den Autos, die an ihr vorbeifuhren, keine besondere Aufmerksamkeit. Aber normalerweise war die Landstraße wie ausgestorben, wenn sie diesen mühseligen Weg von der Schule nach Hause lief.
Das Auto rollte in Schrittgeschwindigkeit. Wahrscheinlich war es ein aufmerksamer Nachbar, der sich Sorgen machte, weil sie durch die sengende Mittagshitze an der Landstraße entlanglief.
Amber blieb stehen. Sie war vorsichtig. Nicht, weil ihr je etwas Schlimmes zugestoßen wäre. Aber sie hatte Augen und Ohren. Schon in viel zu jungen Jahren hatte sie abends neben ihrem Vater vor dem Fernseher gesessen und dabei zugesehen, wie die Schrecken der Welt gebündelt auf sie losgelassen wurden. Die Welt war ein gefährlicher Ort. Und an gefährlichen Orten hielt man besser Abstand von Autos, deren Fahrer anboten, einen mitzunehmen.
Das Auto blieb ebenfalls stehen. Amber starrte auf das Heck des roten VW Golfs. Er war alt und viel kantiger als moderne Autos. Das Nummernschild war nicht von hier. Ausgeschlossen, dass es einer der Nachbarn war.
Sie wischte sich den Schweißfilm von der Stirn und schirmte ihre Augen mit der Hand ab, um besser sehen zu können. Was tat der Fahrer da? Rote Lampen leuchteten auf. Setzte er etwa an, um rückwärts zu fahren? Ambers Herzschlag beschleunigte sich. Ihr sicherer Abstand zu dem blechernen Ungetüm würde im Nu dahinschmelzen. Einfach ausradiert werden, weil der Fahrer es so wollte.
Sie zog die Riemen ihres Eastpacks fester, dann schlug sie einen Haken und rannte querfeldein über den Acker neben sich. Der Weizen war gerade abgeerntet worden, zurückgeblieben war lediglich die Weite des Feldes mit seinen Stoppeln, hinter denen sie nicht einmal ihre Schuhe verstecken konnte. Die sengende Sonne brannte unbarmherzig auf sie nieder. Als wäre sie ein Brathähnchen in einem Röster.
Amber wagte es nicht, langsamer zu werden, um einen Blick zurückzuwerfen. Irgendwann, nachdem das Feld längst einem anderen gewichen war, gab sie dem Stechen in ihrer Seite nach und wurde langsamer. Das Einzige, was sie noch hörte, war ihr eigener keuchender Atem. Da war kein Brummen eines Motors hinter ihr. Kein Auto. Sie beruhigte sich. Dann aber schoss ihr ein neuer Gedankenblitz wie ein Pfeil in den Magen. Was, wenn er zu Fuß kam?
Sie wirbelte herum, bereit, sich mit Händen und Füßen zu verteidigen. Doch da war niemand. Schnellen Schrittes lief sie weiter.
Ruby, ihre kleine Hündin, die im Garten lag, hob träge den Kopf und klopfte zweimal halbherzig mit dem Schwanz auf den Boden, als Amber ihr Haus erreichte. Auch ihr war heute zu warm.
Es war ruhig im Haus. Nur aus dem Zimmer ihres Vaters drang das vertraute Brummen des Tischventilators. Die Tür war geschlossen. Sie zog ihre Schuhe aus und ging direkt darauf zu, blieb aber zögernd davor stehen. Sollte sie klopfen oder einfach hineingehen? Ihr Vater war seit Jahren schwer krank, weshalb er in das ehemalige Arbeitszimmer ihrer Eltern gezogen war. Er kam die Treppen nicht mehr hoch. Sie musste nach ihm sehen. Jedes Mal, wenn sie nach Hause kam. Sehen, ob er noch lebte. Es war wie ein Zwang.
Sie entschied sich, nicht zu klopfen. Leise öffnete sie die Tür einen Spalt und schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen. Sammelte die Kraft, um hinzusehen. Der massige Körper lag schwitzend und keuchend im Bett. Es wirkte, als würde jeder Atemzug ihn unermesslich viel Anstrengung kosten. Mitleid flammte in Amber auf, doch dann sah sie die aufgerissenen Verpackungen der Schokoriegel auf seinem Nachttisch liegen. Es waren nicht nur eine oder zwei. Er fraß eine gottverdammte Partypackung von den Dingern zum Frühstück.
Leise schloss sie die Tür, setzte sich wie jeden Nachmittag an den Esszimmertisch und machte ihre Hausaufgaben.
Sie schreckte auf, als es an der Haustür klingelte.
»Clemens, Belinda! Seid ihr zuhause?«, rief eine Männerstimme gegen die Tür.
Das war Joachim. Er wohnte ein paar Häuser die Straße weiter unten. Was er wohl mitten am Tag hier wollte? Er sollte eigentlich wissen, dass Belinda, Ambers Mutter, um diese Zeit bei der Arbeit war. Sie ging zur Tür, um es herauszufinden.
»Amber, Schätzchen, es tut mir leid. Ich hoffe, ich habe dich vorhin nicht erschreckt!«
Amber zog die Schultern hoch und senkte den Kopf. »Was meinst du?«
»Ich war mit meinem Neffen unterwegs, da haben wir dich neben der Straße gesehen. Du kennst ihn. Er ist früher auf deine Schule gegangen. Aber sobald er konnte, ist er hier weg. Jedenfalls ist es doch so heiß, da habe ich Fritz gesagt, er soll anhalten und dich mitnehmen. Aber da bist du schon wie ein Reh über die Felder gehüpft.«
Ambers Magen verkrampfte sich und ein schuldbewusster Ausdruck trat auf ihr Gesicht. Sie war einfach zu misstrauisch.
Den Rest des Nachmittags verbrachte sie damit, darauf zu warten, dass die Temperaturen abkühlten, damit sie mit Ruby spazieren gehen konnte. Aber auch um achtzehn Uhr war es noch heiß. Ihre Mutter war noch nicht daheim. Sie arbeitete in den letzten Wochen immer lange. Auch heute würde sich keine Gelegenheit finden, mit ihr über das kaputte Fahrrad zu sprechen.
Amber scheuchte Ruby auf, die noch an demselben Platz wie am Mittag vor dem Haus lag, und ging mit ihr durchs Dorf. Normalerweise streiften sie durch den Wald, aber an diesem Abend lag etwas Bedrohliches, wie ein aufziehendes Unwetter, in der Luft. Es war so schwül, dass Ambers Shirt feucht an ihrer Haut klebte. Das Dorf wirkte, als hätte eine Seuche hindurchgefegt. Die Menschen versteckten sich in der Kühle ihrer Häuser.
Als sie um die letzte Kurve bog, ihr Elternhaus bereits im Blick, ließ die Enttäuschung sie langsamer werden. Das Licht im Wohnzimmer war aus. Ihre Mutter war nicht da. Das ungute Gefühl beschlich sie, dass der Tag nicht mehr fern war, an dem ihre Mutter nicht mehr wiederkommen würde. Sie blieb stehen und ließ Ruby ausgiebig an einem durch einen Gartenzaun wuchernden Löwenzahn schnuppern. Da sah sie es wieder. Das rote Auto. Diesmal lief sie nicht weg, als es neben ihr hielt.
Der Fahrer ließ das Seitenfenster auf der Beifahrerseite hinunter. Ambers erster Gedanke war, dass er gar nicht aussah wie ein Fritz, dafür war er viel zu jung. Wohl nur ein paar Jahre älter als sie selbst. Er drehte das Radio leiser. Und entgegen ihres aufkommenden Fluchttriebs, blieb sie stehen. Schließlich hatte ihr Instinkt sie an diesem Tag schon einmal fehlgeleitet.
»Hallo«, sagte sie. »Sie sind sicher Fritz. Kann ich ihnen behilflich sein?«
»Fritz. Ja. Das klingt ganz nach mir ... Und bitte, sag Du, sonst komme ich mir schrecklich alt vor«, sagte der Fahrer amüsiert und warf einen Seitenblick auf Ruby.
»Kennen wir uns? Aus der Schule, oder?« Er kam ihr vage bekannt vor, aber es gelang ihr nicht, ihn einzuordnen.
»Genau. Aber ich bin dir nie aufgefallen.« Er lachte traurig auf.
Amber wusste nicht recht, was sie erwidern sollte.
»Was machst du jetzt? An diesem schönen Freitagabend? Wo sind deine Freunde?« Er musterte sie neugierig.
Die Party fiel ihr wieder ein. Die Party, zu der alle eingeladen waren. Außer ihr. Was würde passieren, wenn sie trotzdem hingehen würde? Ausschließen konnten die anderen sie nicht. Schließlich war es ein öffentlicher Jugendclub, in dem sie sich trafen. »Alle treffen sich im Club. Aber ich werde wohl nicht hin. Es ist ein weiter Weg von dort nach Hause und mein Fahrrad hat einen Platten ...«
»Was hältst du davon, wenn du deinen Wuschel hier nach Hause bringst und wir zusammen hingehen? Nur auf ein Bier oder so. Die anderen kennen mich bestimmt noch.« Er zwinkerte.
Es war noch nicht einmal neunzehn Uhr. Ihre Mutter war noch auf der Arbeit. Sie durfte am Wochenende bis einundzwanzig Uhr unterwegs sein. So hatte sie es mit ihren Eltern vereinbart. Wenn sie jetzt mit ihm ginge, würde sie mit Sicherheit später nach Hause kommen. Aber sie konnte immer noch von unterwegs aus anrufen. Und irgendwie gefiel ihr der Gedanke, dort mit einem älteren Jungen aufzutauchen.
»Okay. Warte kurz.« Amber ging mit Ruby auf ihr Haus zu und ließ die Hündin in den Garten. Ruby legte sich nicht wieder an ihren üblichen Platz, sondern blieb hinter dem Gartenzaun stehen und stieß ein leises Knurren aus.
Amber ignorierte sie und ging zurück zu dem Wagen. Sie stieg auf der Beifahrerseite ein und schaffte es kaum, den Blick von seinen meerwasserblauen Augen abzuwenden. Sie frage sich, wie sie ihn all die Jahre zuvor hatte übersehen können.
Joachim hatte erzählt, dass Fritz in der Stadt studierte. Bestimmt war er heilfroh, dass es ihm gelungen war, aus dieser tristen Welt hier zu verschwinden.
Das Türschloss klickte. Das Auto machte einen Satz vorwärts und raste förmlich auf das Ende des Dorfes zu.
»Hey, du hättest hier abbiegen müssen. Wir treffen uns doch im Jugendclub!« Amber blickte auf seine Hände, die das Lenkrad fest umklammerten.
Und da bemerkte sie es.
Das Auto, in dem sie saß, war gar kein VW, sondern ein Peugeot.
Es war nicht der Wagen von Joachims Cousin.
Was schiefgehen kann …
Sechs Jahre waren vergangen, seit sie in das rote Auto gestiegen war. Amber war spät dran, und das schon am ersten Tag ihres Studiums. Wenn sie sich nicht sputete, würde sie zu spät zur Einführungsveranstaltung kommen.
Sie hatte die Frau, die vor ihr die Straße entlanglief, fast eingeholt, als ein Mann weiter vorne um die Ecke trat. Der Blick, mit dem er die Frau vor ihr musterte, die Körperspannung, die ihn sich aufrichten ließ, seine schneller werdenden Schritte, verhießen nichts Gutes.
Amber sah all das und musste dennoch hilflos mitansehen, wie er die Hände ausstreckte, um ihr die Handtasche von der Schulter zu reißen. Die Frau überließ sie ihm nicht freiwillig. Erst als er mit der Faust auf ihr Gesicht einschlug, gab sie nach. Der Knall erschütterte Amber bis ins Mark.
Ihr Blick sprang zwischen der zu Boden fallenden Frau und dem Mann, der gerade dabei war, sich von ihr zu entfernen, hin und her. Sie musste sich entscheiden. Schnell. Aber sie zögerte den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu lange, und so bog der Mann in die nächste Seitenstraße und entschwand aus ihrem Sichtfeld.
Sie stürzte auf die Frau zu und ließ sich neben ihr auf die Knie fallen. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Sie hätte vierzig sein können, durchaus aber auch eine gepflegte Mittfünfzigerin. »Geht es Ihnen gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?« Amber sank auf die Knie und streckte unsicher eine Hand in ihre Richtung aus, konnte sich aber nicht dazu durchringen, die Frau zu berühren, um ihr aufzuhelfen.
»Du siehst doch, dass es mir nicht gut geht. Ruf die Polizei!«, herrschte die andere sie an. Dann rappelte sie sich ohne Ambers Hilfe vom Boden auf.
Ein Mann kam angerannt und verkündete, er habe alles gesehen und bereits die Polizei verständigt. Als würden sie sich kennen, stützte er die Frau und sie ergriff dankbar seinen Arm.
Amber hockte allein auf dem Boden, ihre ausgestreckte, zitternde Hand griff ins Leere. Sie hatte helfen wollen. Ungeschickt kam sie wieder auf die Beine. Zwei Augenpaare ruhten strafend auf ihr. Es gab diese Barriere. Das Schutzschild, das sie vor vielen Jahren um sich herum errichtet hatte. Auch wenn man es nicht sah, wussten die meisten Menschen, denen sie begegnete, instinktiv, dass es da war. So wie diese Frau, die sich lieber von einem Kerl helfen ließ als von ihr.
»Kann ich noch irgendetwas tun?«, fragte sie. Sie war sich nicht sicher, ob sie jetzt, da die Frau ihren Retter auserkoren hatte, besser gehen sollte.
»Haben Sie den Typen gesehen? Würden Sie ihn wiedererkennen?« Der Mann musterte sie von oben bis unten.
»Es ging alles so schnell. Aber ja, ich denke schon.«
»Dann warten Sie am besten mit auf die Polizei. Damit sie Ihre Aussage aufnehmen können.«
»Okay.« Amber holte ihr Handy hervor und warf einen Blick auf die Zeitanzeige. Sie würde endgültig zu spät kommen. Aber was für eine Wahl blieb ihr schon?
Tränen schossen ihr in die Augen und sie wünschte, sie hätte den Mut aufgebracht, genau das den beiden, die sich inzwischen ungezwungen unterhielten, zu sagen. Die Frau hatte ihren Schock offenbar überwunden. Amber war noch dabei, um die richtigen Worte zu ringen, da hörte sie die Sirene. Sie war noch leise, wurde aber eindeutig lauter. Und lauter. Bis der Streifenwagen mit quietschenden Reifen neben ihnen hielt und die Straße blockierte.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich einer der beiden Polizisten ihr zuwandte. Er nahm ihre Personalien auf und teilte ihr mit, dass sie sich gegebenenfalls bei ihr melden würden.
Die Türen des Auditoriums waren bereits geschlossen, als Amber in der Hochschule eintraf. Als sie leise die Tür aufschob, nur einen Spalt, breit genug, um sich hindurchzuquetschen, spürte sie die Blicke der anderen Studenten auf sich. Sie drückten ihr für den Rest ihrer Studienzeit das Brandmal der am ersten Tag zu spät gekommenen Studentin auf. Die Professorin machte mitten im Satz eine bedeutungsschwangere Pause, sodass man Ambers feuchte Turnschuhe über den Boden schmatzen hörte.
Sie war einige Jahre älter als die Mehrheit der anderen Studenten, was ihr zusätzlich Unbehagen bereitete. Nachdem die Einführung beendet war, gingen die meisten ihrer Kommilitonen hoch in die Mensa. Einer fragte im Vorbeigehen, ob sie mitkommen wolle, aber Amber schüttelte den Kopf. Ihr Bedarf an Kommunikation mit anderen Menschen war für heute gedeckt. Sie sehnte sich danach, die Tür ihres Wohnheimzimmers hinter sich zu schließen.
»Ganz schöne Küken, die alle, was?« Eines der Mädchen blieb neben ihr stehen und lachte.
Amber sah auf, aber alle anderen waren wie ein Fischschwarm in Bewegung. Offenbar sprach dieses Mädchen mit ihr.
»O ja.«
»Hast du auch vorher eine Ausbildung gemacht?«
Amber merkte, wie sie ins Schwitzen geriet. Die Hitze stieg ihr in den Kopf und sie war sich sicher, das ihr Gesicht gerade dabei war puterrot anzulaufen. Sie mochte es nicht, zu lügen. Und sie war auch nicht besonders gut darin. Aber die Wahrheit konnte sie ihr unmöglich sagen. »Ja.«
»Gott, was bin ich froh, dass das vorbei ist. Ich glaube, ich hänge noch nen Doktor dran. Einfach nur, um nie wieder in diese stinklangweilige Bank zurück zu müssen. Was hast du gemacht?«
»Was meinst du?« Amber sah auf ihre Füße. Sie war vorbereitet auf diese Art von Fragen. Allerdings hatte sie nicht erwartet, sie direkt am ersten Tag beantworten zu müssen.
»Na, was für ne Ausbildung?«
»Ich war im Kindergarten.« Sie hatte lange über mögliche Antworten auf diese Frage nachgedacht, und diese schien ihr die Unverfänglichste zu sein. Zumal zumindest ein Fünkchen Wahrheit in der Lüge steckte.
In der neunten Klasse hatte sie einmal ein dreiwöchiges Praktikum im Kindergarten ihres Heimatdorfes gemacht. Ursprünglich wollte sie es in einer Tierklinik in der nächstgelegenen Stadt absolvieren. Sie hatte auch eine Zusage für den Praktikumsplatz erhalten. Aber keines ihrer beiden Elternteile war bereit dazu gewesen, sie drei Wochen lang morgens in die Stadt zu fahren und am Nachmittag wieder abzuholen. Und so hatte sie die Wahl zwischen dem Kindergarten oder der Metzgerei ihres Dorfes gehabt. Die Entscheidung war ihr nicht schwergefallen.
»O Gott, echt? Na, da kann ich verstehen, dass du was anderes als Windeln wechseln machen willst. Also dann, ich muss.« Die andere tauchte in dem noch immer an ihnen vorbeiziehenden Fischschwarm aus Studenten unter.
Amber ging in die entgegengesetzte Richtung. So, wie sie es immer tat.
Als sie ins Freie trat und sich orientierungssuchend umschaute, begann das Handy in ihrer Gesäßtasche zu vibrieren. Sie zog es heraus. Ein Anruf von einer unbekannten Nummer. Normalerweise nahm sie solche Anrufe nicht entgegen. Sie bedeuteten in der Regel nichts Gutes. Heute allerdings hatte sie einen guten Grund, es doch zu tun.
Es war ein mürrischer Polizist, der sie bat, auf die Polizeiwache zu kommen und sich Bilder möglicher Tatverdächtiger anzusehen. Als Amber nicht gleich reagierte, erklärte er, dass es um den Überfall ginge, den sie am Morgen beobachtet hatte. Amber spürte, wie die Erleichterung sie flutete. Natürlich ging es um den Überfall von heute früh. Erleichtert stieß sie die Luft aus und versprach, in spätestens dreißig Minuten auf der Polizeiwache zu sein.
Sie hätte sich lieber zuhause verkrochen, um die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Aber damals mit fünfzehn, als niemand da gewesen war, um ihr zu helfen, hatte sie sich geschworen, niemals die Augen vor dem Unglück anderer zu verschließen. Nicht einmal, wenn sie sich selbst damit in Gefahr brachte.
Etwas außer Atem kam sie wenig später an der Polizeiwache an. Sie war gelaufen, statt die U-Bahn zu nehmen, um einen klaren Kopf zu bewahren. Sie trat auf den Empfang zu. Aus irgendeinem Grund war sie sich sicher, dass der beleibte Mann, der dort saß und sie genervt ansah, auch derjenige war, der sie kurz zuvor angerufen hatte.
»Hallo, man hat mich gebeten, herzukommen. Eben am Telefon.«
»Aha. Und wer sind Sie, bitte?«
»Mein Name ist Amber Friedmann. Ich bin heute Morgen Zeugin eines Überfalls geworden.«
Der Mann nickte, griff zum Telefonhörer und wählte eine interne Durchwahl. Dann verkündete er der Person am anderen Ende, dass die Zeugin eingetroffen sei.
Als er auflegte, sah er Amber an und deutete mit dem Kopf auf eine Reihe metallener Klappstühle, die an der Wand angebracht waren. »Warten Sie bitte dort.«
Amber setzte sich auf die Kante eines kalten Stuhls. Ihr gegenüber stand ein Kaffeeautomat und sie überlegte die nächsten zwanzig Minuten, ob es zu spät sei, um sich einen zu ziehen. Schritte hallten auf den Fliesen und sie verwarf ihr Vorhaben. Drehte sich zur Seite, um zu sehen, wer gleich durch die Durchgangstür treten würde.
Mit dem Aufgehen der Tür schnellte ihr Puls unmittelbar in die Höhe und ihr Atem beschleunigte sich, als hätte sie gerade zu einem Sprint angesetzt. Sie blinzelte hektisch und sah noch einmal hin. Im ersten Augenblick dachte sie, es wäre eine gealterte Version des Mannes mit den meerwasserblauen Augen, der dort durch die Tür auf sie zutrat. Aber als der Kommissar näherkam, bemerkte sie, dass er deutlich älter war, als der Mann es heute wäre. Auch seine Gesichtszüge waren zu fein. Seine Augen wirkten nur wie eine blasse Kopie.
Sie reichte ihm eine verschwitze Hand, als er ihr seine entgegenstreckte und sich als Kommissar Grunau vorstellte. Er ergriff sie, ließ sie aber sofort wieder fallen, als würde irgendetwas ihn davon abhalten, sie zu berühren. Amber folgte ihm in den zweiten Stock und dort in einen kleinen Raum, in dem bereits seine Kollegin auf sie wartete.
Das Lächeln der Frau war freundlich und aufgeschlossen. Amber entspannte sich etwas. Sie setzte sich den beiden gegenüber.
»Möchten Sie etwas trinken, Frau Friedmann?« Die Frau lächelte noch immer.
»Gerne. Ein Wasser.«
»Sicher.« Die Frau wandte sich ihrem Kollegen zu.
Er verstand, ohne dass sie ihn bitten musste, und eilte wortlos hinaus.
Amber sah sich im Raum um. Die Stille war ihr unangenehm. Der Drang, etwas sagen zu müssen, machte sie nervös. Noch bevor sie sich im Klaren darüber war, wie sie das Gespräch eröffnen könnte, ging die Tür wieder auf und der Mann kam zurück. Er stellte das Wasserglas vor sie auf den Tisch, dann setzte er sich neben seine Kollegin.
Amber kam sich beobachtet vor. Dennoch musste sie etwas gegen die Schmerzen tun. Sie war am Morgen mit einem leichten Pochen in den Schläfen aufgewacht, aber inzwischen hatte sich dieses zu einem unaufhörlichen Hämmern hinter ihrer Stirn gesteigert. Ihr würde keine andere Möglichkeit bleiben. Sie musste klar denken können, um den beiden ihre Fragen zu beantworten. Daher griff sie in ihren Rucksack, drückte, ohne die Verpackung rauszuholen, eine Paracetamol aus dem Blister und steckte sie in den Mund. Sie beeilte sich, das Glas Wasser aufzunehmen und die Tablette und ihren bitteren Geschmack hinunterzuspülen.
»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte die Frau mit besorgter Miene.
»Doch, doch. Ich habe nur etwas Kopfschmerzen.« Und mein Becken schmerzt. Die Narben auf meiner Haut pochen wieder.
Die Kommissarin erklärte ihr das weitere Vorgehen. Sie würden ihr Bilder von sechs Menschen zeigen und Amber sollte sagen, ob sie den Taschendieb auf einem dieser Bilder erkannte. Eine denkbar einfache Aufgabe.
Nacheinander drehte der Mann die Bilder um. Es war das vorletzte, bei dem Amber der Atem stockte. Das war er. Das wusste sie ohne Zweifel. Sie starrte das Bild an und schenkte dem letzten Foto, das der Mann noch umdrehte, keinerlei Beachtung mehr.
»Der da war es«, sagte sie und zeigte auf das Bild. Der Mann darauf starrte sie aus kalten, hasserfüllten Augen an. Sie waren meerwasserblau.
»Lassen Sie sich Zeit. Sehen Sie sich die Bilder ganz in Ruhe an.«
Amber war sich sicher, fühlte sich aber genötigt, sich jedes Bild noch einmal anzusehen. Ihr fiel auf, dass auf vier Fotos gar keine Männer, sondern Jungs zu sehen waren. Kinder. Schätzungsweise zwischen zwölf und sechzehn. Und doch war es das eine Bild, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie war nicht stark genug, sich dagegen zu wehren. Sie spulte den Überfall, wie sie ihn erlebt hatte, noch einmal im Kopf ab. Alles war so schnell gegangen. Sie war einige Meter hinter der Frau gelaufen, als der Typ sich ihr näherte und neben ihr stehen blieb. Ein ganz normaler Kerl. Dann schrie die Frau auf und Amber sah, wie sie sich verzweifelt an ihre Handtasche klammerte. Und dann hatte er es getan. Er schlug ihr seine Faust mitten ins Gesicht. Die Frau verlor das Gleichgewicht und krachte zu Boden. Sie ließ die Tasche los und blieb reglos liegen. Der Typ machte auf der Stelle kehrt und rannte davon.
»Der da, der war es.« Amber streckte ihren Zeigefinger aus und zeigte auf den Mann auf dem vorletzten Bild.
Die beiden Kommissare tauschten einen schnellen Blick.
»Okay, Frau Friedmann. Wir danken Ihnen für Ihre Zeit«, sagte die Kommissarin.
»Dann sind wir hier fertig?« Amber schickte sich an, ihren Rucksack aufzunehmen, der hinter ihr an der Stuhllehne hing.
»Eine Frage noch, Frau Friedmann: Sie liefen also hinter dem Opfer und der Mann kam geradewegs auf Sie zu? Sie hatten also Zeit, ihm ins Gesicht zu sehen?«
»Ja. Ja, das ist richtig.«
»Hat das Opfer sich gewehrt, als er ihr die Tasche von der Schulter riss?«
»Wie eine Löwin. Sie hat nicht freiwillig losgelassen.«
»Aber dann hat sie es doch getan?«
»Ja, weil er ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Sie ist hingefallen.«
»Und dann ist er an Ihnen vorbeigerannt, um zu fliehen?«
»Nein, er hat auf dem Absatz kehrtgemacht und ist in die Richtung zurück, aus der er gekommen war.«
»Wissen Sie noch, was der Mann anhatte?«
»Ja. Jeans und ein schwarzes T-Shirt von Carhardt. Es war etwas zu groß.«
Eine kurze Pause entstand. Amber fing an, sich unwohl zu fühlen.
Die Frau beugte sich verschwörerisch zu ihr vor, während ihr Kollege den Blick aus dem Fenster richtete, als gäbe es dort etwas Spannendes zu sehen.
»Wissen Sie, Frau Friedmann, manchmal spielt das Gedächtnis uns Streiche. Wurden Sie selbst schon einmal Opfer eines Überfalls, Frau Friedmann?«
Amber war kurz davor, von ihrem Stuhl aufzuspringen, aus dem Raum zu stürmen und sich im Flur des Präsidiums zu übergeben.
Die beruhigende Stimme der Kommissarin hielt sie zurück. »Keine Sorge. Sie müssen uns nicht erzählen, was passiert ist. Also, wurden Sie schon einmal tätlich angegriffen?«
»Ja.« Der Raum um sie herum schien mit einem Mal kleiner zu werden. Amber schwitzte, als hätte sie plötzlich ein hohes Fieber befallen. Die beiden waren Polizisten. Es waren lediglich ein paar Klicks am Computer, und sie wüssten über Ambers Vergangenheit Bescheid. Was ihr allerdings nicht ganz klar war, war, ob sie das bereits gemacht hatten. Wussten sie, was Amber getan hatte? Sie würden sie wohl kaum als Zeugin vernehmen, wenn dem so wäre.
»Okay, und ich nehme an, es war ein Mann, der Ihnen Angst gemacht hat. Sie wissen noch, wie er aussah?«
»Ja.«
»Können Sie ihn beschreiben?«
Amber nickte und beschrieb den Mann. Als sie endete, sah keiner der beiden Kommissare ihr ins Gesicht. Beide sahen sie auf die vor ihnen liegenden Bilder. Und da wurde es Amber klar. Sie hatte nicht den Mann beschrieben, der die Frau überfallen hatte.